Stralsund – Qingdao

施特拉尔松德   青岛

Aus einem Besuch von Qingdao im Jahr 2017 ist eine verhältnismäßig unbekannte Geschichte hervor gegangen. Aus der Kolonialzeit Deutschlands sind noch heute die Spuren dieser recht kurzen Ära am Anfang des 20. Jahrhunderts in der zwischenzeitlich zur Millionenmetropole am Chinesischen Meer gewachsenen Stadt zu erkennen. Das wurde schon auf der Seite „Auf Reisen“ vermerkt.

Wie sehr diese vergangene Geschichte in Qingdao noch präsent ist, zeigen einige Fotos aus jener Zeit sowie der aktuelle Kontakt zu Herrn Jin Lisheng, heute 72 Jahre alt und Stellvertretender Generalsekretär der Qingdao Association of Collectors. Er hat uns die Fotos zum Zweck der Präsentation auf dieser Web-Site überlassen.

Eine überraschende Geschichte zwischen Stralsund und Qingdao entwickelte sich kurz nach der Gründung des Konfuzius-Instituts in Stralsund. Herr Zhan Haiqing, der Mitglied der Gesellschaft für Deutschlandstudien der Stadt Qingdao ist, hat einen Brief an seine Freunde geschrieben und uns seine Zustimmung gegeben, ihn hier in deutscher Fassung zu veröffentlichen:

Meine Begegnungen mit Stralsund

Es war an einem Tag im September 2016, als ich zufällig in der Volkszeitung „Renmin Ribao“ eine kurze Nachricht über die Gründung des 17. deutschen Konfuzius-Instituts im norddeutschen Stralsund las. Dem Artikel war ein Foto beigefügt, das Bundeskanzlerin Merkel bei der Eröffnungszeremonie zeigte. Diese eigentlich ganz normale Meldung ließ mir sofort das Herz erzittern. Da der Name dieser kleinen Stadt in Norddeutschland in den chinesischen Medien eigentlich nie vorkommt, wirkte diese Meldung wie das plötzliche Auftauchen eines alten Freundes.

Ich muss gestehen, dass ich bis vor kurzem selbst nur sehr wenig über diese Stadt wusste. Im Juli 2014 bin ich auf einer privaten Urlaubsreise zum ersten Mal nach Stralsund gekommen, denn ich wollte dort den Geburtsort des bekannten Chemikers Carl Wilhelm Scheele besichtigen. Vor etwa zwanzig Jahren hatte ich als Schüler in dem Buch „Große Chemiker“ des Bulgaren Manolov auch die Biografie von Carl Wilhelm Scheele gelesen – und habe dort zum ersten Mal von der Stadt Stralsund gehört.

Als ich angekommen war in dieser geschichtsträchtigen Stadt an der Ostseeküste, konnte ich mit freudiger Überraschung feststellen, dass Stralsund so viel mehr zu bieten hat als nur das Scheele-Haus.  Es war eine so schöne Stadt, dass ich mich sofort in sie verliebt habe:  Mehr noch als die auch mitten im Hochsommer immer noch angenehm kühlen Temperaturen war es die wie vom Atem des Meeres durchwebte Luft, die mich für einen kurzen Moment ganz benommen machte:

War dies wirklich eine norddeutsche Kleinstadt, oder nicht viel mehr meine Heimat, wo man im Wind auf der Seebrücke so deutlich den Geruch des Meeres spürte?

Ich verbrachte noch einige entspannte Urlaubstage in Stralsund und kam dann erst wieder zwei Jahre später hierher zurück.  Durch zahlreiche Besuche und mein anhaltendes Interesse habe ich allmählich gelernt, dass Stralsund im Jahre 1234 gegründet und die gesamte Altstadt 2002 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde. Ich habe erfahren, dass Frau Merkel hier ihre politische Karriere begann, dass skandinavische Touristen gerne nach Stralsund kommen, und dass es hier eine Kneipe gibt, die im 14. Jahrhundert gegründet wurde und heute immer noch existiert – und ich habe sogar herausbekommen, wo es gutes asiatisches Essen und die besten Fischbrötchen gibt. Je mehr ich über Stralsund erfahren habe, desto besser hat es mir in der Stadt gefallen. Ich habe auf meinen Deutschlandreisen sicherlich siebzig bis achtzig verschiedene Orte besucht – große und mittlere Städte, Kleinstädte und Dörfer.  Wenn man mich fragt, welches meine Lieblingsstadt ist, würde ich ohne mit der Wimper zu zucken Stralsund auf Platz eins meiner Liste setzen; vor dem in seiner Gesamtheit als städtebauliches Museum gelobten Görlitz und vor den schönen und so Vielfältiges bietenden Großstädten Berlin, Hamburg und München.

Deshalb habe ich mich auch so gefreut, als Stralsund so unerwartet in jenem Zeitungsartikel auftauchte. Im Überschwang der Gefühle habe ich dann auch gleich eine Email an die Stralsunder Stadtregierung geschrieben, in der ich meine Glückwünsche zur Gründung des Konfuzius-Institutes und die Hoffnung auf einen engeren Austausch zwischen unseren beiden Städten zum Ausdruck brachte. Ich hätte es damals nie für möglich gehalten, dass ich innerhalb einer Woche eine Antwort von der Pressestelle bekam, in der sie mich um Erlaubnis für die Veröffentlichung meiner Email in der „Ostsee-Zeitung“ bat. Und ich hätte auch nie damit gerechnet, dass meine Email an verschiedene Institutionen, darunter auch das Konfuzius-Institut, weitergeleitet würde. Anfang Mai habe ich dann eine chinesische Email mit dem Betreff Von Stralsund nach Qingdao erhalten. Absender war die wohl beste deutsch-chinesische Simultandolmetscherin Gisela Reinhold, die meine Koordinaten von der Leiterin der Geschäftsstelle des Konfuzius-Instituts Stralsund, Andrea Döteberg, bekommen hatte. Gisela schrieb, dass sie sich, genau wie ich in Stralsund verliebt, ihre Wohnung in der Berliner Innenstadt aufgegeben und nach Stralsund ans Meer gezogen sei.

Zwischen Ende Mai und Anfang Juli ist Gisela zweimal für mehrere Wochen nach Qingdao gekommen und hat die Stadt auf ausführlichen Stadtspaziergängen erkundet. Bei unseren zahlreichen Treffen habe ich erfahren, dass der Urenkel von Julius Rollmann, der während der deutschen Besatzung Qingdaos als Leiter des Hafenamtes für den Bau des ersten und zweiten Kais des Qingdaoer Großhafens verantwortlich war, heute wieder in Stralsund lebt. Die heutige Shen-Xian-Lu in der Nähe des Kleinhafens hieß damals Rollmannstraße. Ich bin mit Gisela dort hingegangen und habe ihr einige Hintergrundinformationen zum alten Qingdao gegeben. Sie hat viele Fotos gemacht und ich kann mir gut vorstellen, wie bewegend das Betrachten dieser Fotos für die Nachkommen von Julius Rollmann sein muss.

Das Konfuzius-Institut Stralsund hatte ursprünglich für September eine Veranstaltungsreihe mit dem Thema Deutsche in China geplant. Als bekannt wurde, dass die „Gesellschaft für Deutschlandstudien der Stadt Qingdao“, deren Ständiges Vorstandsmitglied ich bin, für Oktober eine Reise nach Deutschland geplant hat, haben Gisela und Andrea Döteberg sich sehr dafür eingesetzt, dass wir auch nach Stralsund kommen.  Und so wird das Konfuzius-Institut  am 19. Oktober 2017 mit uns zusammen eine eigene Veranstaltung zu Julius Rollmann durchführen – dem in Stralsund geborenen Baumeister, der mit der kaiserlichen Marine nach Qingdao kam und dort den Hafen baute, der sich inzwischen zum siebtgrößten Hafen der Welt entwickelt hat.

Ich bin froh und glücklich und voller Vorfreude. Ich freue mich auf die Verbindung zwischen Stralsund und Qingdao, der Hansestadt an der Ostsee und der 7-Millionen-Stadt am Gelben Meer – mögen sie ihre Freundschaft vertiefen und möge dieser Austausch reiche Früchte tragen!  Dass ich selbst aufgrund einer Reihe von glücklichen Zufällen an dieser Entwicklung teilhaben darf, empfinde ich als ein großes Glück.

Zhan Haiqing, im Juli 2017
Aus dem Chinesischen von Gisela Reinhold

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Der Stralsunder Hafenbaumeister Julius Rollmann wurde schon im Zusammenhang mit der Geschichte Qingdaos erwähnt. Eine große Gruppe der Nachkommen von Julius Rollmann hat sich gemeinsam mit weiteren Interessenten im Stralsunder Konfuzius-Institut unter Anwesenheit einer Delegation der Gesellschaft für Deutschlandstudien der Stadt Qingdao getroffen und über die früheren Verbindungen mit Deutschland und Stralsund im Besonderen gesprochen. Die chinesische Delegation stand unter Leitung des Präsidenten, Herrn Wu Tiejun. Nach einem Vortrag von Prof. Dr. Hermann von Lilienfeld-Toal über die Rollmanns sowie einer Video-Präsentation Qingdaos schloss sich eine rege Unterhaltung an, die mit  Bier aus den Braukellern Qingdaos und Stralsunds veredelt wurde. Die entstandenen Kontakte werden sicher die kulturelle Zusammenarbeit beider Städte auch in die Zukunft tragen. Herr Zhan, der der Delegation auch angehörte, wird von der Reise seiner Delegation berichten.