Stralsund – Shanghai

施特拉尔松德 — 上海

Unsere guten Kontakte nach China führten im Laufe des Jahres 2018 erneut zu einer sehr herzlichen Bekanntschaft – hier in Stralsund. Die Vorgeschichte dazu beschreibt Gisela:

Ich habe Sharon 2015 kennengelernt und dann zwei Jahre lang eng mit ihr zusammen gearbeitet. Gemeinsam haben wir den Besuch hochrangiger Delegationen nach China und Deutschland vorbereitet und sie dann Vorort begleitet. Neben den ganzen Details dazu habe ich Sharon in unseren unzähligen WeChat-Nachrichten auch immer wieder Fotos von meinem entspannten Leben an der Ostsee geschickt – das so ganz anders war als ihre überlangen Arbeitstage in der Megametropole Shanghai. In Deutschland ist es möglich, die Fußläufigkeit der UNESCO-geschützten Altstadt von Stralsund mit einem anspruchsvollen, international ausgerichteten Job zu vereinen. In China geht das nicht. Wer sich entwickeln will, muss in Peking oder Shanghai leben. Aussteiger, die versucht haben, sich im idyllischen Yunnan ein entspanntes Leben mit bezahlbaren Mieten und guter Luft zu organisieren, kommen meist schon sehr bald wieder zurück, da sie abseits der großen Metropolen nicht genug Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen können. In Shanghai zu leben, bedeutet soziale Anerkennung, Zugang zu Bildung und Kultur und der ganzen glitzernden Vielfalt einer internationalen Metropole.

Es gibt alles in Shanghai – und doch hat sich Sharon aufgemacht auf die lange Reise nach Stralsund und ich war sehr gespannt, wie eine 25-jährige Shanghaierin auf unsere Stadt reagieren würde. Hier also ihr Bericht, den wir von ihr erhalten haben.

 

Sharon, die ihre Reise nach Stralsund im September machte und für eine Woche blieb, schrieb:

Gisela hatte mir viele Fotos geschickt, von der Segelregatta auf dem Sund und dem Weihnachtsmarkt vor dem Stralsunder Rathaus. Sie schrieb mir, wenn sie morgens ihren Espresso trinkt und E-Mails beantwortet, kann sie vom Bett aus die Sonne über dem Sund aufgehen sehen. Sie hätte hier in der Altstadt von Stralsund ihren Pfirsichblütenhain* gefunden. Ob ich sie nicht mal besuchen wollte in ihrer Ostsee-Idylle.

Ich hab ihr das alles nur so halb geglaubt, war skeptisch, dass es so etwas geben kann. Und im Sommer 2018 bin ich dann zu ihr nach Stralsund gefahren.

Ich lebe in Shanghai – einer Stadt, die pulsiert und nur so strotzt vor Vitalität. Die U-Bahn ist immer voll und durch die Straßen zieht sich zu jeder Zeit das glitzernde Band der Autos. Wenn die großen Shopping Malls um 22 Uhr schließen, blinken an fast jeder Ecke noch immer die Neonlampen der 24/7 Shops, die rund um die Uhr geöffnet sind. Wie das deutsche Hamburg ist auch Shanghai die zweitgrößte Stadt des Landes, ein Handels- und Finanzzentrum. Mein Leben dort ist an jedem Tag total durchgetaktet. Immer gibt es etwas zu tun, das sofort erledigt werden muss. Ein Problem taucht auf, ich löse es, – juju – und dann kommt schon wieder die nächste kleine Katastrophe auf mich zu. Ich fühle mich dabei nicht schlecht; die Tage sind voll von dieser nicht enden wollenden Dynamik – mit der ich täglich so viele kleinere und größere Katastrophen vermeide.


Es war an einem Freitag, um 22:30 Uhr in Shanghai. Ich hatte eine dicke Erkältung, war den ganzen Tag geschäftlich unterwegs gewesen, von einem Termin zum nächsten gerannt. Als ich abends völlig erschöpft auf mein Sofa fiel, begann mein Handy zu vibrieren, gleich zweimal hintereinander. Ich hätte es am liebsten aus dem Fenster geschmissen … einmal dieser Welt entfliehen und nicht mehr funktionieren müssen! Und dann poppte plötzlich Stralsund in meinem Kopf auf: „Es reicht! Ich verdiene mir jetzt eine Stange Geld und dann fahre ich im nächsten Jahr nach Stralsund! In meinen Pfirsichblütenhain!“ Mit dieser Entscheidung habe ich mir dann wieder Mut gemacht, mein verkniffenes Gesicht hat sich entspannt und ich habe die Messages auf meinem Handy beantwortet.
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Ich habe wirklich Glück: Ich liebe die Stadt, in der ich wohne. Und ich habe einen Pfirsichblütenhain, ein geheimes Fleckchen Erde, das still leuchtet und jedes Jahr zur Ferienzeit auf mich wartet.

Shanghai und Stralsund sind zehntausend Kilometer voneinander entfernt und natürlich fühlt sich das Leben in diesen beiden Städten ganz unterschiedlich an. Hier einige Beispiele:


Da ich ja das erste Mal in Stralsund war, ist Gisela mit mir kreuz und quer durch die Altstadt gelaufen, um mir alles zu zeigen. Dabei haben wir auch zwei ihrer Freunde getroffen, die gerade auf der Terrasse eines  Straßencafés saßen. „Trinkt Ihr einen Kaffee mit?“ fragten sie uns und so saßen wir – zwei Deutsche, ein Schwede und eine Chinesin zusammen um einen Tisch und haben uns kennengelernt und über Gott und die Welt geredet – einfach so, ganz spontan und ohne Verabredung. In Shanghai versuche ich seit einem Monat, mich mit einer Freundin zu verabreden, aber wir finden einfach keinen Termin, an dem wir beide Zeit haben. „Nun wohnen wir schon so nah beieinander und schaffen es trotzdem nicht, uns zu treffen“ sagt sie immer wieder.

Als wir am Abend mit einigen Freunden im Bürgergarten saßen, sagte einer plötzlich, dass er demnächst nach Stockholm fahre, um einen Bagger zu kaufen und noch jemanden suche, der ihm beim englisch Reden hilft. Sofort sagte jemand: „Ich kann das machen – ich fahre mit.“ Und schon war das Problem gelöst. Ein andermal trafen wir auf unserem Spaziergang durch die Altstadt einen Architekten. Er hatte eine E-Mail mit einer Projektanfrage noch nicht beantwortet, daher sind wir zu ihm hingegangen und haben bei einem zufälligen Treffen auf der Straße alles geklärt. Ich schaue auf die chinesischen Visitenkarten vor mir – von Kollegen, Freunden und Nachbarn – und muss grinsen: In Stralsund geht man nur vor die Tür und schon trifft man Freunde, kriegt Jobs – und alle Probleme scheinen sich von selbst zu lösen.

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Wer in Shanghai so leben wollte, wäre wohl sehr schnell von akuter Finanznot betroffen. Hier eilen die Leute mit gesenkten Köpfen durch die Straßen; und selbst, wenn man einen Bekannten trifft, hat man immer nur Zeit für ein paar schnell hingeworfene Worte, bevor man weiterläuft. Um mit diesem schnellen Rhythmus in Shanghai mithalten zu können, muss man innerlich andauernd sortieren: Wichtigkeitsgrad? Dringlichkeitsgrad? Unsere Gehirne sind bis zum Anschlag gespannt. Uns fehlt die Lässigkeit. Andauernd planen und organisieren wir uns.

Als ich die Street Art Galerie auf der Hafeninsel betrat, waren meinen ersten Gedanken: 500 Quadratmeter Fläche – nach Shanghaier Maßstäben gerechnet wären das bei einer Miete von einem Euro pro Tag insgesamt 500 Euro Miete am Tag. Die Monatsmiete läge bei 15.000 Euro. Wie viele Bilder müssen sie verkaufen, um ihre Kosten reinzuspielen? Wie hoch sind die Personalkosten? Es war Nachsaison und ich sah kaum Besucher – so richtig toll könnten die Einnahmen nicht sprudeln.
Meine Gedanken fliegen nach Shanghai – in das Hochhaus, in dem ich arbeite. Beste Adresse am Bund, dem Prachtboulevard von Shanghai. Die Büromiete liegt bei 1,50 Euro pro Quadratmeter pro Tag. Unsere Firma arbeitet im Bereich „Blockchain“, künstliche Intelligenz, Big Data – alles Bereiche, in denen man viel Geld verbrennen kann. Von den Mitarbeitern wird erwartet, dass ihre Arbeitsleistung deutlich über dem durchschnittlichen IT-Niveau in China und auch über dem Durchschnittsniveau in Shanghai liegt. Jeden Tag denkt mein Chef darüber nach, wie er unnötige Kosten einsparen kann. Wieviel müssen wir einspielen, um in die Gewinnzone zu kommen? Was bedeutet das für die Zielvorgaben, die jeder einzelne am Tag erreichen muss? Jeden Monat müssen die Gehälter die Miete gezahlt werden. Dazu der Druck aus dem Vorstand und von den Aktionären … .

„In diesem alten Speicher haben sich verschiedene Künstler zusammen getan und einen Laden für Kunst und Kunsthandwerk gegründet. Sie wechseln sich ab mit der Arbeit im Laden; jeder ist dann auch für den Verkauf der Arbeiten der anderen mit verantwortlich. Nebenan in der Galerie gibt es ein kleines Kino. Jeder Galeriebesucher kann dort umsonst Filme gucken“ sagt mir Gisela und reißt mich aus meinen Träumereien. Ja, ich bin in Stralsund. Vielleicht müssen sie hier nicht so viel Miete zahlen und machen das gar nicht, um Geld zu verdienen. Vielleicht muss man hier nicht immer nur rechnen, auf welche Kosten man nicht verzichten kann und wieviel Gewinn eine Investition abwirft. Vielleicht kann man hier noch seinen Träumen nachjagen und die Kraft des Loslassens spüren.

Wir gehen in eine Buchhandlung der Altstadt. Zwei Verkaufsetagen, darüber ein riesiger Dachboden, der ebenfalls voll ist mit Büchern. Antiquarische Bücher mit schönen Einbänden, die es nicht mehr zu kaufen gibt und die wahrscheinlich eine Menge Geld wert sind. Ein ganzes Haus voller Bücher in bester Lage mitten in der Altstadt. Und wieder fange ich an zu rechnen. Es sind kaum Kunden dort. Das Geschäft mit den Büchern läuft über das Internet. Gisela erzählt, dass eine Freundin aus New York schon überall nach einem Buch aus ihrer Kindheit gesucht hat. In dieser Buchhandlung in Stralsund hat sie es dann gefunden. Könnte eine solche Buchhandlung, die keine aggressive Werbung macht und nicht auf Kommerz getrimmt ist, in Shanghai überleben? Wie hoch wäre die Miete, wenn man in Shanghai ein so großes Haus mieten würde? Ich glaube kaum, dass ein solcher Laden den harten Konkurrenzkampf in Shanghai überleben könnte.
Als wir den Laden betreten, begrüßt uns die Inhaberin. Durch ihre Brille schaut sie auf den Bildschirm ihres Computers; vielleicht archiviert sie ihre Bestände oder schreibt E-Mails an ihre Kunden. Als wir hereinkommen, schaut sie hoch und lächelt uns an – ein Lächeln, das einfach nur freundlich ist und ehrlich. Denn ja, hier ist Stralsund! Wenn die Menschen, die hier leben nach draußen gehen, sehen sie das Meer. Mir kommt das alles vor wie ein Märchen: Sich nicht immer nur mit all den vielen äußeren Zwängen herumschlagen zu müssen. Sich lang gehegte Träume zu erfüllen. Und Kraft daraus zu schöpfen, dass man nicht angekettet ist.

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Ich liebe Shanghai, die Kraft und die Energie, die hier überall spürbar sind. Aber viele beklagen sich auch, über den Stau und die viel zu vollen U-Bahnen, die Immobilienpreise, die im Stadtzentrum bei 20.000 Euro pro Quadratmeter liegen. Wer auf Dauer in Shanghai leben will, verzichtet auf Selbstmitleid und das ewige Gemecker. In meiner Firma sagen wir oft: „Unsere Büros liegen am Nabel der Welt und abends fahren wir zum Wohnen an den Rand des Universums. Montags zahlen wir das Debit auf unseren Kreditkarten zurück, am Dienstag die Hypothek auf die Wohnung und am Mittwoch die Miete. Wir haben so viel zu tun, dass kaum Zeit bleibt, einen Schluck Wasser zu trinken oder auf die Toilette zu gehen. Aber egal, wir fangen gerade erst an und werden nur Erfolg haben, wenn wir durchhalten. Nur wer Erfolg hat, ist ein Held – das ist unser Mantra – und dafür arbeiten wir jeden Tag bis zum Anschlag: Für „Reisig, Reis, Öl und Salz“** in der Kurzzeit – und ein erfülltes Leben in der Langzeitperspektive. Auch mitten in der Nacht brennen in den Bürohochhäusern immer noch unzählige Lampen. Wer in Shanghai lebt, brennt für seinen Job und gibt alles, für ein gutes Leben und die Erfüllung seiner Träume.


Ich blicke voll Bewunderung nach Stralsund und zu den Menschen, die auf diesem schönen Fleckchen Erde leben. Bert, ein Freund Giselas, sagte mir im Bürgergarten: „Es zieht mich jedes Jahr ein paar Mal nach Berlin oder Hamburg, aber immer nur für ein paar Tage, dann will ich wieder zurück nach Stralsund.“ Bert betreibt den „Bürgergarten“, einen Biergarten am Knieperteich, wo immer montags alle Kinder umsonst Tretboot fahren dürfen.

Ich habe mehrere Stralsunder kennengelernt, die aus Weltstädten wie Berlin oder Chicago hierher gezogen sind. Sie alle kannten das schnelle Leben in den großen Metropolen und haben sich dann irgendwann in Stralsund verliebt und sind dort geblieben. Und auch für mich kann ich sagen, dass der blaue Himmel mit seinen schnell ziehenden Wolken, der sich so endlos weit über das glitzernde Meer hinzieht, und die vom Wasser umschlossene Altstadt mit ihrer stimmungsvollen Atmosphäre in mir ein Gefühl von Ruhe und Entspanntheit hervorgerufen haben, wie ich es in Shanghai noch nie erlebt hatte. Es gibt in Stralsund einen ganz besonderen Zauber, der einem dabei hilft, die wahre Natur und die Schönheit des Lebens zu spüren.

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Zwei Städte, zehntausend Kilometer voneinander entfernt: Die eine immer geschäftig und um noch mehr Pracht bemüht; die andere schlicht und warm. Die eine lebt für Produktivität und Effizienz; die andere legt den Fokus auf das menschliche Miteinander. Was sie verbindet: In beiden Städten arbeiten die Menschen daran, sich ihre Träume zu verwirklichen. Ich liebe sie alle beide, denn sie ergänzen sich so gut – zwei wichtige Pinselstriche in dem bunten Bild unserer Erde.

Auf Berts Frage: “Wenn es dir doch hier so gut gefällt, warum willst du dann noch zurück nach Shanghai?“ habe ich ihm geantwortet: “Ich muss zurück nach Shanghai, um dort zu arbeiten und genug Geld zu verdienen. Dann komme ich zurück in meinen geheimen Pfirsichblütenhain und können zusammen hier ein soziales Projekt finanzieren.“

So hat jede Stadt ihre eigenen Werte und ihren ganz eigenen Charme. Genießen wir es und machen das Beste aus unserem Leben.

Sharon He, Shanghai 2018
Übersetzung Gisela Reinhold

*Pfirsichblütenhain: Vor langer Zeit entdeckte ein Fischer auf einer Bootsfahrt hinter einem Felsen einen wunderschönen Pfirsichblütenhain. Die Menschen dort waren glücklich und zufrieden und wussten nichts von den Kriegen und den Hungersnöten im Rest des Landes. Pfirsichblütenhain bezeichnet ein idyllisches Fleckchen Erde, auf dem man ein sorgloses Leben führen kann.
**Reisig, Reis, Öl und Salz: Das Chinesische liebt konkrete Bilder – hier das Bild für die notwendigen Dinge des täglichen Lebens

Nachtrag: Inzwischen lernt Sharon, die gut englisch spricht, am Goethe-Institut in Shanghai Deutsch, damit sie bei ihrem nächsten Besuch in Stralsund noch besser mit den Menschen hier kommunizieren kann.