Weltkulturerbe

Die Heilgeiststraße verläuft in Stralsund quer durch die Altstadt, und zwar von Ost nach West. Sie verbindet das am Strelasund liegende Hafenareal mit dem Knieperteich, der sich westlich am Durchgang des Kütertores um die Altstadtinsel schmiegt. Diese Straße ist von jeher eine Ansiedlung von Geschäftshäusern mit eingebauten Inhaberwohnungen. Während des Bombenangriffs am 06. Oktober 1944 wurden etliche Häuser zerstört oder beschädigt. Die Wiedererrichtung und Reparatur nach dem Kriege war zumeist provisorischer Natur. Zur Zeit der DDR verfielen die vorhandenen Bauten zunehmend und waren im Moment der deutsch-deutschen Vereinigung 1990 vielfach nur noch als Ruinen zu betrachten.

Nach der Vereinigung stellte sich die Frage des Erbes: Wie geht man mit dieser historischen, aber kaputten Bausubstanz um. Zum Glück setzten sich die Kräfte durch, die in der Altstadt ein Zeugnis alter Baukultur sahen und die Restauration bei zu erhaltener Parzellenstruktur auf die Agenda setzten. Zusammen mit Wismar bewarb man sich um den Titel „Weltkulturerbe“ bei der UNESCO und bekam ihn 2002 zugesprochen.

Die Stadt sicherte mit den nun vorhandenen Mitteln die verfallenen Bauwerke oder sorgte bei nicht mehr zu erhaltenen Gebäuden für den Abriss. Gleichzeitig wurde die Suche nach den rechtmäßigen Eigentümern aufgenommen. In Fällen, in denen die Eigentümer nicht auffindbar waren oder die Stadt bereits die Eigentumsrechte ausübte, begann dann die Suche nach neuen Eigentümern, die den Willen und die Mittel einbrachten, die Rekonstruktion nach alten Vorbildern vorzunehmen. Das alles unter strengen Gesichtspunkten des Denkmalschutzes. Die Heilgeiststraße im heutigen Zustand zeugt von diesem erfolgreichen Paradigma, wenn es auch noch einige Lücken gibt.

Das Erbe der Vergangenheit bestand und besteht nicht nur aus den Bauwerken. Jede Parzelle, jedes Haus hat seine eigene Geschichte. Diese Geschichte aufzuzeigen ist ein Gebot des Erbes, insbesondere vor dem Hintergrund des Titels „Weltkulturerbe“. Nicht jede Hausgeschichte gelangt dabei an die Öffentlichkeit, aber es gibt ein Beispiel für eine sehr bewegende Geschichte, die die neuen Eigentümer des Hauses Heilgeiststraße 89 in mindestens so akribischer Kleinarbeit wie die Sanierung des Bauwerkes selbst recherchierten.


Am 10.11.2014 erhielten die Bauherren der Heilgeiststraße 89 Friederike und Martin Fechner vom Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“ die Ehrung „Koggensiegel“ für die sehr gelungene Sanierung dieses Hauses. Damit verbunden war die Bitte, sich um die Geschichte des Hauses anhand von archivierten Dokumenten im Stadtarchiv zu kümmern. Später schrieb Frau Fechner in der Ostsee-Zeitung:

Durch den Erwerb und die Sanierung des Hauses Heilgeiststraße 89 im Jahr 2012 haben wir die Rekonstruktion dieses Kleinods zu unserer Herzenssache gemacht. Wir ahnten nicht, dass uns die Geschichte eines früheren Besitzers dieses Hauses mindestens so intensiv und nachhaltig beschäftigen würde wie das aufwändige Baugeschehen.

Es folgten so anstrengende wie aufregende Wochen – nein Jahre. Mit Hilfe des Stralsunder Stadtarchivs wurden die ersten Dokumente zu den früheren Besitzern gefunden. Es handelte sich im Wesentlichen um die Familie Blach in mehreren Generationen. Die möglichen Nachfahren aufzusuchen machte sich Frau Fechner zur Aufgabe. Zutage kam die Chronik einer Familie, deren einzelne Puzzle erst zusammen gefügt werden mussten. Lebende Nachfahren, die Frau Fechner tatsächlich aufspüren konnte, erfuhren erst jetzt so manche Zusammenhänge und von existenten Verwandten. Grund dafür waren die Geschehnisse der Judenverfolgung und -vernichtung während der Nazizeit in Deutschland. Die Familie wurde zuerst wirtschaftlich ruiniert und dann teilweise physisch vernichtet. Frau Fechner hat darüber in den Stralsunder Heften ausführlich und ergreifend berichtet. Es folgten Ausstellungen in St. Jacobi Stralsund, Beiträge im NDR sowie ein F.A.Z-Artikel am 07.11.2018 anlässlich des Ereignisses 80 Jahre Reichsprogromnacht. Jan Brachmann, der diesen Beitrag schrieb, vermerkt:

Die Geschichte der Fechners, ihres Hauses ihrer Forschungen und der Musik dabei ist eine jener Geschichten, deren Fehlen in der Öffentlichkeit die Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Aleida und Jan Assmann, in ihrer Dankesrede kürzlich beklagten: eine Geschichte über das Erinnern als Befähigung zu verantwortungsvollem Gestalten gegenwärtigen und künftigen Miteinanders, vor allem aber eine Geschichte des Gelingens.

Frau Fechner ist eigentlich studierte Musikerin (Cello), praktiziert Kammermusik und veranstaltet in der Stralsunder Klinikumskirche Konzerte bevor sie sich um die Geschichte Stralsunds kümmert. Umso stärker ist ihr Engagement und der sich einstellende Erfolg zu bewerten.

Am Eingang der Heilgeiststraße 89 wurden am 09.11.2018 in Erinnerung an drei Mitglieder der Familie Blach, die während der Nazizeit ermordet wurden, Stolpersteine verlegt. Anwesend war unter anderen neben Frau Fechner auch Frau Gaby Glassmann aus London, einer Nachfahrin der Blachs.

Mit den Ergebnissen der Recherche zum Haus Heilgeiststraße 89 ist es den Fechners gelungen, die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen und dem Haus, in dem sich heute 5 Wohnungen und 2 Läden befinden, sein Leben zurück zu geben. Derartige oder ähnliche Geschichten beherbergen alle alte Gebäude – das macht die Stralsunder Altstadt „reich“ und wieder lebenswert.