Stralsund – New York – Xi’an

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Von 1968 – 1976 bin ich mit Babette zur Schule gegangen. Damals habe ich sie allerdings kaum kennengelernt. Sie war vom Sport befreit und hatte nach der Schule nie Zeit, da sie immer nur Klavier geübt hat. Sie galt in unserer Schule als musikalisches Wunderkind, das einen Wettbewerb nach dem anderen gewann und schon mit elf Jahren in der Berliner Philharmonie gespielt hat.

Richtig kennengelernt haben wir uns dann erst viel später – als wir zu denjenigen aus unserem Jahrgang gehörten, die nicht Medizin oder Jura studiert hatten und als Freiberufler auch mal unter der Woche Zeit für ein Treffen hatten. 

B. Hierholzer (Foto: Iréne Zandel)

Seit gut zwanzig Jahren lebt Babette als erfolgreiche Konzertpianistin in New York und im Sommer 2018 hat sie mich in Stralsund besucht. Wir hatten viele interessante Begegnungen in der Stadt: Mit Anton und Angelika Werner, die in dem Haus in der Mönchstraße wohnen, das einst dem Stralsunder Komponisten Paul Struck gehörte, dessen Andenken sie liebevoll pflegen und bewahren. Oder mit Hanni Höpner von der Kneipe „Zur Fähre“, die uns von dem 1823 in Stralsund geborenen Carl Friedrich Wilhelm Gaertner erzählte, der sich vom „Wirtshaus am Faehrthor“ aufmachte nach Philadelphia, wo er ein Konservatorium gründete und sich dort als Komponist und Solist einen Namen machte. „Ich komme gerade aus Philadelphia“ sagte Babette. „Kenne dort einen bekannten Musikwissenschaftler. Vielleicht können wir noch ein bisschen mehr über Carl Gaertner herausfinden und sein Leben und seine Musik in Stralsund noch einmal mit einem kleinen Projekt zum Leben erwecken.“

Babette mochte Stralsund und wird bestimmt wiederkommen. Ein Hauskonzert am Olof-Palme-Platz 1 ist fest eingeplant und am 23. Mai 2019 wird Babette anlässlich der Gründung der Bürger-Philharmonie ein Open Air Konzert im Bürgergarten zu Stralsund geben.

Wenn sich noch zwei Schauspieler finden, die mitmachen, würde sie auch sehr gerne ein Melodram in Stralsund aufführen. Dazu schrieb sie mir nach ihrer Rückkehr nach New York:

Ich habe Dir eine Mail mit Info und Links zu MELODRAMAS geschickt, hör einfach mal rein in “Enoch Arden”, oder lies das Gedicht von Lord Tennyson, es ist eine unglaublich bewegende Geschichte von einem Schiffbrüchigen. Es war eines der Lieblingsstücke von Glenn Gould und auf der Aufnahme spricht Claud Rains, den wir alle als Captain Louis Renault aus Casablanca kennen.

Das Thema mit Schifffahrt und Schiffbrüchigem ist ja wohl das Thema, was bestens zu Stralsund paßt! Übrigens ist 2019 genau das 155. Jubiläum, als Lord Tennyson „Enoch Arden“ geschrieben hatte.

Vielleicht gibt es ja irgendeine Möglichkeit, dies direkt in einem der alten Gebäude am Hafen aufzuführen, quasi direkt am Wasser. Vielleicht wäre es ja auch eine gute Veranstaltung für euer tolles modernes Meeresmuseum?

Aus Erfahrung kann ich nur sagen, daß gerade dieses ca. 40 minütige Werk sehr gut beim Publikum ankommt, alle haben am Ende Tränen in den Augen.

Wir haben noch viel rumgesponnen beim Cappuccino in den Straßencafés, was man alles Tolles machen könnte zwischen Stralsund und New York.  Und gerade hat sich dieses Projekt bestätigt:

Mitte Januar wird Babette nach China fahren und dort zwei Meisterklassen für Kinder und Erwachsene und zwei Konzerte geben. Es wird ihre erste Konzertreise nach China sein, wo vieles anders ist. Wo es zum Beispiel schwierig ist, einen Konzertflügel zu organisieren und das Publikum nach einem Konzert nicht applaudiert.

Ich freue mich riesig, dass eine Reise von New York nach Stralsund zu einem Konzert vor 5000 Zuschauern in Xi’an, der Stadt der Terrakotta Armee, geführt hat. Ich bin gespannt, was Babette uns von ihrer Reise berichten wird und wie sich die Fäden von Stralsund hinaus in die Welt weiterspinnen werden.

Gisela Reinhold, Team port kreativ


Hier die zusammenfassenden Eindrücke der Chinareise von Babette Hierholzer mit ihrem Duo Partner Jürgen Appell:

Masterclass bei Steinway Piano Gallery in Hefei, China

Die Veranstaltung in den Räumen von Steinway’s war extrem gut organisiert und wir fanden ein höchst motiviertes und interessiertes Publikum vor. Die jungen Musiker waren sehr gut vorbereitet und haben erstaunlich gute technische Voraussetzungen. Das geht auf gute musikalische Ausbildung zurück, wir haben auch 2 Lehrer kennen gelernt, die ebenso interessiert zuhörten. Auf meine Frage, wie viele Schüler er habe, meinte er enthusiastisch: 200

Es waren auch viele Familien anwesend und die Eltern schienen mindestens genauso interessiert.

Wir spielten zu Anfang und Ende der Veranstaltung und dabei zeigte sich, wie die Musik doch immer wieder übergreifend auf alle Kulturen wirkt. Der Tango „Por una cabeza“ wurde von mehreren gleich per iPhone aufgenommen und alsbald erklangen unsere Töne an mehreren Stellen im Hause Steinway. Auch bekamen wir die Bitte, ob sich die jungen Musiker die Noten unserer Bearbeitung des Tangos für Klavier zu 4 Händen kopieren dürften, Antwort natürlich: Ja! Schön, bei der Masterclass sowohl westliche Musik, Mozart & Schubert zu hören als auch eine Komposition von Tan Dun.

Die obligatorische Schlange von Familien mit den jungen Musikern für ein Foto zusammen mit uns wollte gar nicht enden.

Konzerte in Hefei und Xi’an

Nach unserem ersten Einstand bei Steinway’s jetzt ein Auftritt bei der Jahreskonferenz „Global Alliance of Small and Medium Enterprises“ (GASME) in Hefei. Dank der Förderung der Steinway Piano Gallery spielen wir auf einem schönen Steinway B Modell Instrument, übrigens in mitternachts blauer Farbe.

Von jetzt an sind wir Teil der Delegation von Bundespräsident a. D., Christian Wulff, dem Global Chairman von GASME, und kommen in den Genuss der luxuriösen Planung und Durchführung aller Veranstaltungen. Wir müssen uns um nichts mehr kümmern.

Zoe und Frank (Generalsekretär von GASME) haben uns ins Herz geschlossen und wir sie ebenso. Überhaupt ist es ein ungemein schönes Gefühl, Teil einer „Truppe“ zu sein. Man kann sich austauschen und erfährt auf diese Art und Weise viel mehr über Land und Leute. Das morgendliche Frühstück in unseren 5 Sterne Hotels deckt so ziemlich alles ab, was wir Zuhause zu Mittag und Abend essen würden – Nudeln, Fleischklösschen, gebratenes Gemüse, aber auch Obst, Müsli, Wurst und Käse.

In Hefei erfahren wir mehr über die Gelben Berge (deren Eingangstor Stralsunds Partnerstadt Yellow Mountains City ist), die als eine einmalige Attraktion gelten. Laotse soll gesagt haben: Wer die fünf Gelben Berge besucht hat, müsse keine weiteren Berge mehr besteigen.  Also, das ist Geheimnis und Herausforderung zugleich, zu einer günstigen Reisezeit mit mehr Zeit wieder hierher zu kommen für eine Bergtour.

Am nächsten Tag verlassen wir Hefei, Hauptstadt der Provinz Anhui, die mit 63 Millionen Einwohnern ungefähr so groß ist wie Deutschland. Es geht nun per Flugzeug von Hefei nach Xi’an. Nach 2 Stunden Flug landen wir bei Dunkelheit auf dem Internationalen Flughafen in Xi’an, der anscheinend riesig ist, denn wir rollen nach der Landung ewig über das Flugfeld, bis wir endlich das  Terminal erreichen.

Da wir am nächsten Tag Auftritt bei dem „One Belt One Road Chang‘an International Forum“ haben, bleibt an diesem einen Tag nur der Morgen, um einen lebenslangen Wunsch zu erfüllen: nämlich die Terrakotta Armee außerhalb von Xi’an zu besuchen.

Mit Fahrer und Dolmetscherin starten wir morgens früh. Und das Wetter beschert uns eine extra Überraschung: Zum ersten Mal blauer Himmel und die Sonne kommt durch, was für ein Kontrast zu dem Smog in Hefei!

Nach gut 45 Minuten Autofahrt erreichen wir Lindong. Hier fand 1974 ein Bauer bei Grabungsarbeiten nicht die gewünschte Wasserquelle, sondern eine der größten archäologischen Sensationen: Die riesige Grabanlage des Kaisers Qin Shihuang. Ähnlich wie die alten Ägypter war auch dieser Herrscher einen Großteil seines Lebens damit befasst, sein Leben in der Unterwelt ähnlich angenehm wie zu Lebzeiten zu gestalten.  Dazu beschäftigte er 700.000 Arbeiter, die ihm ein Mausoleum  und eine riesige Armee von Tausenden von Tonkriegern inklusive Pferden bauen und die ihn in allen vier Himmelsrichtungen verteidigen und beschützen sollten. Die traurige Tatsache, dass all die Handwerker die Arbeit mit ihrem Leben  bezahlen mussten (sie wurden lebendig in der Grabanlage eingemauert) war für den Herrscher die logische Voraussetzung, um den genauen Ort der Grabanlage geheim zu halten.

Man kann heute drei große Grabungsstellen  besuchen, die als riesig große Hallen überdacht sind. Vermutlich hat jeder, der die Reise hierher unternimmt, schon vorher Bilder davon gesehen, aber trotzdem war ich nicht auf die gigantische Größe vorbereitet. Grabungsstelle 1 ist sicherlich die beeindruckendste, da die Krieger und Pferde in so unglaublich gutem Zustand sind. Jede einzelne Figur ist  handgemacht und daher einmalig in ihren individuellen Zügen. Mich persönlich haben am meisten die Pferde fasziniert. Genau wie die Krieger sind auch diese sehr unterschiedlich in Alter und Statur, besonders schön die etwas kleineren, gedrungen mongolischen Pferde. Halle 2 und 3 geben Einblick in die angehenden Rekonstruktionen und Reparaturen beschädigter Figuren und enthalten weitere Grabhügel, die alle noch auf Ausgrabung warten. Übrigens waren alle Figuren früher bunt bemalt und an einigen Stellen kann man noch Reste der Bemalung erkennen.

Der Kontrast zu der GASME Veranstaltung dann am Abend im neuen Convention Center in Xi’an hätte nicht größer sein können mit all seinen hochmodernen technischen Installationen. Wir spielten auf einem sehr guten Konzertflügel PRAMBERGER von der Firma mit dem herrlichen Namen: ‘Bird of Paradise‘. Für Altpräsident Christian Wulff hatten wir eine persönliche Zugabe, eine. Walzer seines Lieblingskomponisten Chopin,  eingeplant. Nach dem Konzert erfuhren wir, dass auch ein früherer polnischer Präsident mit seiner Gattin  anwesend war. Der polnische Altpräsident war sichtlich bewegt und sagte zu uns: „Da muss ich erst nach China fahren, damit deutsche Pianisten für mich Chopin spielen“ .

Unsere erste Reise war an Tagen kurz, aber an Erlebnissen unendlich reich und hat in mir große Neugier und das Interesse geweckt, mich viel mehr mit China, seiner Kultur und den Menschen in diesem riesigen Land zu beschäftigen und China hoffentlich auch in Zukunft wieder besuchen zu dürfen.